Die tiefgründige Geschichte Berlins tragen die Mitglieder des Vereins „unter-berlin“ zu Tage. In der Schönhauser Allee...
Die Stadt Stettin (Szczecin) liegt im Nordwestens Polens und ist von Berlin aus mit dem Zug in etwa zwei Stunden...
Im Rahmen einer Reise durch Usbekistan und Turkmenistan hatten zwei unserer Vereinsmitglieder Gelegenheit, einen Blick...
Der Umgang mit NS-Bunkern sorgte in Berlin immer wieder für politischen Zündstoff.
„Komm mal mit.“
„Wohin denn?“
„Komm mal mit!“
„Willst du mich in die Sahara entführen?“
„Ja!“ sagte er und fasste sie bei der Hand.
„He, ich bin keine Fünfjährige!“
Er ignorierte ihren Protest und führte sie zu einer Tür, die sich ein paar Meter weiter in der Wand befand. Dann zog er einen Schlüssel aus seiner Tasche und hielt in ihr vor das Gesicht.
„Ist das der Schlüssel zum Paradies?“ fragte sie.
„So ähnlich.“
Er sah sich kurz um und schloss die Tür auf. Dahinter war es dunkel.
„Was ist das denn für ein schwarzes Loch?“
„Quatsch nicht und komm!“
Er griff nach ihrem Arm und zog sie mit sich.
„He!“
„Pscht!“
Behutsam verschloss er die Tür.
Finsternis.
„Würde der Herr Geheimniskrämer mir jetzt gefälligst sagen, wo wir hier sind?“
„Nö.“
„Dann geh ich sofort wieder raus.“
„Nun warte doch mal ’ne Sekunde!“ stöhnte er und wühlte in seiner Tasche herum.
„Hier.“
„Was hier?“
„Nimm!“
Er berührte sie mit einem Gegenstand. Sie griff danach ... eine Taschenlampe. Wo war der Knopf? Da!
„Endlich mal Licht!“
Eine zweite Taschenlampe blitzte in seiner Hand auf.
„Sooo, dann kann uns ja nichts mehr passieren“, sagte er, „es sei denn, du leidest an Siderodromophobie.“
„Was?“
„Siderodromophobie. Das ist die Angst vor Eisenbahntunneln und Zügen.“
„So, ein Tunnel soll das sein!“
Sie leuchtete um sich. Beton.
„Der Tunnel gehört zu dieser Station und sollte-“
„Ach, deswegen wolltest du unbedingt mit mir in diese Passage.“
„In das Verteilergeschoss“, sagte er. „Ich wollte mit dir in das Verteilergeschoss, in dem sich der Zugang befindet, durch den wir gerade diesen Tunnel betreten haben.“
„Du solltest dein Verteilergeschoss heiraten.“
Der Lichtkegel ihrer Taschenlampe wanderte über kleine Wassertropfen an der Wand. Hier und da war der Beton fleckig.
„Aber hier fährt nichts mehr, oder?“
„Hier fährt nichts mehr.“
Sie leuchtete den Boden ab.
„Hier sind auch gar keine Gleise.“
„Nein, die wurden-“
„Sieht alles ziemlich alt aus!“
„Ist alles ziemlich alt. Das sollte mal eine Abzweigung für die U-Bahn werden, Richtung Norden. Aber dann haben die Verkehrsplaner es sich anders überlegt.“
„Und woher hast du den Schlüssel?“
„Man hat so seine Kontakte.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Und ... was machst du hier?“
„Ich zeige dir den Tunnel.“
„Sehr witzig.“
„Es ist ein ganz besonderer Ort, deswegen wollte ich dich mal mitnehmen.“
„Und dann meditierst du hier, oder was?“
„Nein, es ist ...“
Er suchte nach Worten.
„Komm, ich zeig’s dir mal.“
Sie zögerte.
„Gibt es hier Ratten?“
„Nein, gibt es hier nicht.“
Sie leuchtete ihm ins Gesicht.
„Wirklich?“
„Jaaa! Vom Beton können sie sich nicht ernähren! Und was anderes gibt es hier nicht. Und jetzt nimm die Lampe weg!“
Sie richtete den Strahl wieder auf den Boden.
„Na gut.“
„Nun komm endlich!“
Ein merkwürdiges Gefühl durchzog ihren Magen.
„Meinetwegen.“
Während sie hinter ihm herlief, fragte sie sich, ob sie einen Fehler gemacht hatte. Vielleicht hätte sie ihm sagen sollen, dass sie Angst vor der Dunkelheit hatte ... oder unter Platzangst litt.
Lächerlich! Was sollte schon passieren? Sie ging ja nicht mit einem wildfremden Mann in diesen komischen Tunnel, sie kannte ihn ja. Aber trotzdem ...
„Und jetzt vergammelt dieser Tunnel langsam?“
„Naja“, antwortete er, „so schnell vergammelt ein Tunnel nicht ... der kann auch in 100 Jahren noch ans Netz gehen.“
Der Lichtstrahl ihrer Taschenlampe wanderte über einen großen Pfeiler, über Treppenstufen, in die Weite des Raumes. Dann richtete sie die Taschenlampe nach oben.
„Huh, das geht ja richtig weit hoch ... das muss viel Geld gekostet haben.“
„Ja, und dies ist eigentlich nur der Eingangsbereich. Der Tunnel fängt da hinten an, der ist riesig! Komm!“
Jetzt musste sie ihm endlich klarmachen, dass sie keine Lust hatte, in diesen Tunnel zu gehen. Aber wie sollte sie das-
Er setzte sich in Bewegung.
Und wenn sie jetzt stehen bliebe? Er hatte sie nicht gefragt, ob sie mitkommen wollte! Anscheinend hielt er es für selbstverständlich, dass sie-
„Nun mach schon, da sind keine Ratten!“
Sie gab sich geschlagen und folgte ihm.
Der Tunnel verschluckte sie. Das Licht ihrer Taschenlampen verlor sich in dem endlosen Schwarz. Sie fragte sich, warum sie ihm nicht gleich erklärt hatte, dass sie nicht in dieses dunkle etwas gehen wollte, dass sie das nicht interessierte, dass sie sich die Kleider nicht schmutzig machen wollte, und ja, meinewegen, dass ihr die Dunkelheit unheimlich war. Gott, er hätte dann ein paar Witze gemacht. Aber mehr auch nicht.
Sie verfluchte den Leichtsinn, mit dem sie sich in diese Situation begeben hatte.
Zu spät.
„Vorsicht, hier müssen wir aufpassen!“
Er leuchtete in eine Rinne hinein, die sich quer durch den Tunnel zog.
„Die gibt’s hier alle 100 Meter. Aber frag mich nicht, warum.“
„Das muss der Grottenolm doch wissen!“
„Keine Ahnung“, erwiderte er und trat über die Rinne hinweg.
Weiter.
„Wie lang ist der Tunnel denn?“
„Wirst du noch sehen.“
„Und ... äh ... kommt da noch was?“
„Ja.“
Angeber! Als ob er der Hausherr wäre!
Und sie spielte mit.
Ein metallisches Echo hallte durch den Tunnel.
„Ach, das Tunnelmonster! Hat wohl wieder Hunger auf kleine Frauen.“
„Ich werde ihm wie Blei im Magen liegen.“
Er lachte.
„Stimmt, du bist schwer verdaulich!“
Peinliche Stille.
„Hier gibt es übrigens eine fantastische Akustik, geradezu ideal für gregorianische Choräle!“
„Ach, singende Mönche haben mich noch nie interessiert.“
Darum ging es doch gar nicht, dachte er. Und war überhaupt von ihrer Reaktion enttäuscht.
„Aber jetzt weiß ich wenigstens, warum deine Nase immer läuft ... bei dieser feuchten Luft.“
„Äh ... ja.“
„Und warum du so blass bist.“
Er schüttelte den Kopf.
„Das musst du gerade sagen, du kleiner Nachtschatten!“
Sie hatte sehr schöne weiße Haut.
Vornehme Blässe.
Zu gerne hätte er diese Haut berührt.
Und wäre mit ihr dort geblieben, wäre mit ihr, mit dem Ort verschmolzen.
Nie zurück.
„Gibt es hier Fledermäuse?“ fragte sie.
So lange er redete, so lange er irgendetwas erzählte, so lange ging es. Nur nicht sein Schweigen, nicht hier!
„Nein. Die halten sich nur da auf, wo sie nicht gestört werden. Hier laufen ja manchmal Leute herum.“
Wenn doch bloß jetzt!
„Aber man findet ganz interessante Insekten, die sind schneeweiß! Hier unten gibt es nämlich keine UV-Strahlung und deswegen brauchen sie keine Pigmente.“
„Aha.“
Ihre vornehme Blässe.
Wenn er sie einmal küssen könnte.
Mit ihr dort bleiben.
„Und was machst du, wenn du hier alleine bist?“
Ihn am Reden halten.
„Manchmal stehe ich hier einfach nur.“
Er hielt an.
„Bleib mal ganz ruhig.“
Nur der Luftzug. Sonst nichts.
Seine Taschenlampe erlosch.
„Mach’ deine auch aus.“
Sie tat es. Und fragte sich, warum.
Egal. Es machte keinen Unterschied mehr. Sie hatte ihren Widerstand längst aufgegeben.
Die Zeit verschwamm. Sie standen in der Dunkelheit, reglos in der Stille, gelegentlich durch Geräusche unterbrochen, die in der Ferne durch den Tunnel irrten. Die Welt löste sich auf.
Vielleicht wirklich, vielleicht würde sie hier nie wieder herauskommen, vielleicht würde der Tunnel sie nie hergeben.
Dieser Mensch neben ihr ... sie kannte ihn seit zwei Jahren. Eine sensible Person. Aber da war noch etwas anderes, etwas, vor dem sie Angst hatte.
Einmal hatte sie es gesehen, damals, als er ihr sagte, dass er sich in sie verliebt hätte. Sie wies ihn zurück. Und seine Reaktion ... sehr ungesund, sehr merkwürdig. Wie ein kurzes Aufblitzen, eine Tür, die aufgerissen und sofort wieder zugeschlagen wurde. Es hatte sie erschrocken. Aber trotzdem ließ sie nicht von ihm ab, blieb weiter in seiner Nähe. Und hatte oft das Gefühl, er würde lauern, würde sie wie ein Raubtier beobachten – und eines Tages zuschlagen.
Sie hatte sich auf dieses Spiel eingelassen. Ja, es hatte ihr Spaß gemacht, ihr ein Gefühl von Macht gegeben, sein Begehren zu spüren.
Das kleine Mädchen, das gerne mit dem Feuer spielte. Und in diesem Tunnel ihr Ende fand.
Drehte sie gerade durch? Brachte dieser Tunnel sie um den Verstand?
Die Stille erdrückte sie, presste ihr den Atem aus der Lunge.
Er schaltete seine Taschenlampe wieder an und richtete das Licht auf sie.
„Du bist noch da. Schön!“
Sie wusste nicht, wie sie auf diese Bemerkung reagieren sollte.
„Gleich haben wir’s auch geschafft.“
Es ging weiter, noch tiefer in den Schlund hinein. Sie folgte ihm.
Ob es sie störte, dass seine Nase immer lief? So wie sie das vorhin gesagt hatte ...
Nein, daran lag es sicher nicht. Es machte keinen Unterschied. Er würde diese weiße Haut nie berühren.
Sein Inneres zog sich zusammen.
Plötzlich standen sie vor einer Wand.
„Hier haben sie dann aufgehört“, erklärte er.
„Und was ist dahinter?“
„Äh ... natürlich Erde und so ... und Grundwasser.“
„Und überhaupt“, lachte sie.
„Dachtest du, dass Rübezahl da steckt? Oder der Rattenfänger von Hameln mit seiner Kinderschar?“
„Irgendwo müssen sie ja sein!“
„Man merkt, dass du vom Lande kommst! Naja ... eine Sache wollte ich dir kurz noch zeigen.“
Bei diesen Worten atmete sie auf, es war also bald zuende.
Dann schämte sie sich für den bösen Verdacht, den sie gehegt hatte.
Oder wollte er sie nur in Sicherheit wiegen?
Wieder Angst.
Tiere spielten mit ihrer Beute.
Er bewegte sich zur Wand des Tunnels, ging ein paar Schritte an ihr entlang und leuchtete suchend über den Boden. Dann stoppte er.
„Da, sieh mal!“
Sie näherte sich dem Punkt, den er anstrahlte ... da war etwas auf dem Boden.
Eine Schachtel Marlboro. Sie hatte ihre Farbe verloren und sah aus, als wäre sie versteinert.
„Fossile Zigaretten! Schön, oder?“
Vorsichtig berührte sie die feuchte Oberfläche der Packung.
„Das von der Decke tropfende Wasser enthält Kalk, der sich dann ablagert ... wie in Tropfsteinhöhlen.“
Sie nickte.
„Interessant.“
„Manchmal kann man an unterirdischen Orten auch irgendwelche Relikte finden ... zum Beispiel Zeitungen, die dreißig oder vierzig Jahre alt sind. Oder alte technische Geräte ... irgendwelche Reste.“
„Vielleicht findet man hier irgendwann mal deine Reste!“
„Vielleicht ... ich habe sogar mal ein Funkgerät entdeckt!“
Gelogen. Ein letzter, resignierter Versuch.
„Alter Krempel.“
Sie fragte nicht einmal, was er damit gemacht hatte.
„Hm ...“
Er kratzte sich am Kopf.
„Und jetzt den ganzen Weg zurück?“ fragte sie.
„Nein.“
„Sondern?“
„Da drüben.“
Er zeigte in die Dunkelheit.
Nach dreißig, vierzig Metern fiel der Schein seiner Taschenlampe auf eine Öffnung in der Wand.
„Da geht’s raus.“
Sie liefen durch einen schmalen Gang, der aufwärts führte. Über eine Treppe erreichten sie schließlich den Ausgang, eine kleine Tür aus Metall. Welch ein klägliches Ende für diesen großen Tunnel, dachte sie. Aber vielleicht wollte sich der Tunnel so tarnen ... vielleicht sollten nur Eingeweihte von ihm wissen.
Dann standen sie wieder in der U-Bahnstation. Sie fragte sich, was für ein Fieber sie in dem Tunnel ergriffen hatte, was dort durch ihr Blut gerauscht war.
Oder etwa nicht? Hatte er sich ein böses Spiel mit ihr erlaubt? Oder hatte ihr die Angst vor diesem Mann den Kopf verdreht?
Sich windende Gedankenknäuel. Vermischt mit der Gewissheit, nie eine Antwort zu bekommen.
Ein Mann, der sie fragend anblickte.
„Und?“
„Ja, war mal was anderes. Danke.“
Zwei Sekunden Wortlosigkeit.
„Gut ... wir telefonieren“, sagte er und lächelte matt.
„Wir telefonieren.“
„Tschüß!“
„Tschüß.“
Sie drehte sich um und ging. Und hatte noch nicht einmal gefragt, in welche Richtung er musste. Sie hätten noch ein Stückchen zusammen gehen können.
Warum hatte sie sich im Tunnel so komisch benommen? Hatte sie Angst gehabt? Vor der Dunkelheit? Platzangst? Vor Ratten?
Vor ihm?
Absurd.
Egal.
Er würde sie nie haben.
Der Schlüssel in seiner Hand.
Er sah sich um. Dann schloss er die Tür wieder auf.
August 2007