Die tiefgründige Geschichte Berlins tragen die Mitglieder des Vereins „unter-berlin“ zu Tage. In der Schönhauser Allee...
Die Stadt Stettin (Szczecin) liegt im Nordwestens Polens und ist von Berlin aus mit dem Zug in etwa zwei Stunden...
Im Rahmen einer Reise durch Usbekistan und Turkmenistan hatten zwei unserer Vereinsmitglieder Gelegenheit, einen Blick...
Der Umgang mit NS-Bunkern sorgte in Berlin immer wieder für politischen Zündstoff.
„Wo bleiben diese Eumel?“
Herr Neumann blickte ärgerlich auf seine Uhr. Und fügte hinzu: „Und dieser Rabbi ist auch nicht da! Selbst Gottes Diener sind unpünktlich ... das kotzt jetzt mich jetzt alles schon wieder total an!“
Frau Gerber zupfte ihn am Ärmel.
„Nun regen Sie sich nicht so auf, Neumännchen! Das ist doch jetzt der große Tag – auf ein paar Minuten kommt es da auch nicht mehr an.“
„Das mag ja sein! Nur: Ich habe den Eindruck, dass ich – und natürlich auch Sie – die einzige zuverlässige Person in einem Ozean der Schludrigkeit und Unpünktlichkeit bin!“
Er seufzte.
„Und wenn jetzt noch irgendwas schief geht ...“
„Immer mit der Ruhe“, ermahnte ihn Frau Gerber, „und vielleicht würde es helfen, wenn Sie einfach mal den Werkzeugkasten abstellen.“
Herr Neumann nickte, stellte den schweren Kasten auf den Boden, zog seine schlecht sitzende „Untergrund-Hose“ nach oben und wühlte in seinen Jackentaschen herum. Frau Gerber überprüfte währenddessen erneut ihre Digitalkamera.
Nachdem er den Schlüssel in der unteren inneren Jackentasche lokalisiert hatte, atmete Herr Neumann auf. Das hätte ihm jetzt gerade noch gefehlt – von wegen „Schlüssel vergessen“!
Vielleicht war dies der wichtigste Tag seines Lebens. Zwei Jahre lang hatte er sich nun mit dieser Sache befasst. Allein die Genehmigung für die Öffnung des Tunnels, eigentlich doch nur eine bloße Formalität, hatte sich als Megamarathon erwiesen, der sehr an die Geschichte jenes unglücklichen Mannes erinnerte, der immer wieder diesen Stein den Hügel heraufschleppen musste, der dann immer wieder runterrollte. Die versammelten Beteiligten: Das Bezirksamt. Die Birthler-Behörde. Das Tiefbauamt. Der Senat. Die Jüdische Gemeinde. Das Archiv in Polen. Der alte Stasi-Major, der immer eine Fahne hatte. Diverse Berliner Archive. Die verschwundene Akte. Die verschwundene Akte, die wieder aufgetaucht war. Aber leider nicht in Berlin. Die falsche wieder aufgetauchte Akte. Der Holzweg. Die beiden Bibliotheken. Ein großes, kaum zu entwirrendes Knäuel, das ihn bis in seine Träume verfolgt hatte.
Aber nun war es endlich so weit.
Sie hatten es tatsächlich geschafft. Sie hatten den geheimen Stasi-Tunnel lokalisiert. Sie hatten die Genehmigung bekommen, sie würden ihn öffnen. Mit einem Rabbi, den die Jüdische Gemeinde ihnen mit auf den Weg gegeben hatte. Denn der Tunnel führte offenbar unter die benachbarte Synagoge ... wo es dann den Hohlraum gab.
Gott, wie viele Flachmänner hatte er diesem Stasi-Major spendieren müssen, um ihm das Geheimnis Stück für Stück zu entwinden. Frau Gerber hatte ihm deswegen schon einen Anschiss gegeben, weil diese ganzen Flachmänner das kleine Budget des Vereines zu sehr belasteten.
Aber die Flachmänner hatten zum Ziel geführt!
Und der Inhalt dieses Hohlraumes ... Gott, wenn es wirklich stimmte, dass-
„Ich glaube, da kommen sie!“ riss Frau Gerber ihn aus seinen Träumen.
„Was, wie?“
Sie zeigte auf ein merkwürdiges Gefährt, das träge auf sie zufuhr. Eine Art umgebauter Halblaster oder so. Mit einer Ladefläche, auf der schweres Gerät stand. Ja, das mussten „Wuffke“ und „Rudolf“ sein. Die Techniker.
Kurze Zeit später hatte sich das Fahrzeug in eine Parklücke nahe der Eingangstür des Gebäudes geächzt. Zwei Männer in grauen Anzügen mit der Aufschrift „Avanti Bau Service“ stiegen aus. Wuffke und Rudolf.
Herr Neumann und Frau Gerber begrüßten sie kurz. Dann richtete sich Herr Neumann auf und legte los:
„Meine Herren, Sie wissen, was heute auf dem Programm steht: die Öffnung des besagten Tunnels! Wir haben die Auflage, dass die Öffnung mit einem Minimum an Veränderungen der Bausubstanz ... äh ... einherzugehen hat. Die Jüdische Gemeinde hat uns einen Schweizer Rabbiner geschickt, der hier ... jetzt eigentlich schon da sein sollte. Also, der soll jedenfalls gucken, dass wir da ... keinen Blödsinn machen, wegen der Synagoge und so.“
Wuffke und Rudolf guckten sich an. Dann fragte Wuffke: „Warum denn ein Schweizer Rabbi? Haben die hier keinen mehr vorrätig?“
„Was weiß ich“, antwortete Herr Neumann leicht genervt, „vielleicht sind sie gerade alle verliehen!“
„Dat will ich mal sehen – ein Rabbi mit ’ner Kuhglocke!“ prustete Rudolf.
Herr Neumann blickte Frau Gerber gequält an, richtete sich dann erneut auf und sagte mit ernsthafter Miene: „Bitte benehmen Sie sich entsprechend und machen Sie keine antisemitischen Bemerkungen!“
„Sehen wir aus wie Adolf?“ erwiderte Wuffke forsch.
„So hat Herr Neumann das doch nicht gemeint“, intervenierte Frau Gerber und lächelte, „es geht ja nur-“
„Da ist er ja schon!“ sagte Herr Neumann und zeigte auf eine rabbinermäßig aussehende Gestalt, die mit einem Handy am Ohr auf sie zukam. Ja, er sah hundertprozentig so aus, wie man sich einen Rabbiner vorstellte. Eine Kuhglocke trug er allerdings nicht.
Der Rabbiner beendete sein Gespräch, steckte das Handy in die Tasche, strich seinen Mantel gerade und stellte sich vor:
„Guten Tag, meine Damen und Herren, ich bin Herr Löwenstein! Es ist schön, dass ich hier bei Ihnen sein kann. Sie wissen ja, warum ich hier bin.“
Alle anderen nickten.
Herr Neumann wühlte in seiner unteren Innentasche nach dem Schlüssel und lächelte.
„Dann können wir ja loslegen.“
Er schloss die Tür des fünfstöckigen Plattenbaus auf und trat ein. Die Anderen folgten ihm. Frau Gerber war die Letzte und betrachtete nachdenklich diese merkwürdige Herrenrunde vor ihr: den nervösen, erregten Herrn Neumann, der Chef des Vereines, diese beiden komischen Techniker und den Schweizer Rabbiner. Mitunter fragte sie sich, wo sie da eigentlich gelandet war. Als sie vor zwei Jahren dieser kleinen Organisation beigetreten war, ging es eigentlich nur um ihre Magisterarbeit, in der sie die psychosozialen Aspekte unterirdischer Architektur darstellen wollte. Und dann hatte der Untergrund sie plötzlich verschluckt ...
Gerade wollte sie die Tür hinter sich schließen, als sie ein lautes Schnaufen hörte. Sie guckte noch mal heraus und sah einen verschwitzten Mann mit einem Schnauzbart.
„Hallo, sind Sie diese Tunnelfreunde ... mit dieser Öffnung?“
Die Stimme kam ihr sehr bekannt vor.
„Wir sind die Gesellschaft zur Ergründung und Dokumentation der historischen unterirdischen Bauwerke Berlins und Brandenburgs e.V., falls Sie das meinen“, antwortete sie bestimmt.
„Jaja“, antwortete der Mann schwer atmend, „und ich bin der Herr Wiebke vom Neuköllner Express.“
Genau, dachte sie, Herr Wiebke. Diese Nervensäge hatte etwa fünf Millionen Botschaften auf dem Anrufbeantworter des Vereines hinterlassen. Penetranter ging es wirklich nicht mehr. Und einmal hatte sie ihn dann unglücklicherweise auch am Apparat gehabt. Der Mann war höllisch scharf auf die Tunnelöffnung. Witterte wohl die große Story. Naja, Presse schadete nie.
„Was ist denn hier los?“ fragte Herr Neumann plötzlich neben ihr und blickte Herrn Wiebke an.
Die beiden Herren wurden einander vorgestellt. Herr Neumann wusste nicht, ob er sich über Herrn Wiebke freuen sollte. Eigentlich gehörte dieser Coup ihm ... und nicht so einem Schmierfinken, der ihren Anrufbeantworter pausenlos vollquatschte. Aber gut, Presse schadete nie.
Die Gruppe lief durch die leeren Gänge des muffig riechenden Hauses. Ein typisches Verwaltungsgebäude, dachte Neumann. Jetzt, am Wochende, da es leer und wie ausgestorben war, erschlug es die kleine Gruppe förmlich mit seiner Tristesse. Aber der Tunnel lockte, zog sie magisch Richtung Keller.
Herr Wiebke witterte die große Story, die ganz große Story, konnte sie förmlich riechen, erschnüffelte sie mit seinem journalistischen Spürsinn. Das würde endlich sein Durchbruch sein, sein Riesenknaller! Und danach könnte er auf den Neuköllner Express pissen!
Als Herr Wiebke noch jung gewesen war, hatte er eines Tages das berühmte „Stern“-Heft mit Hitlers Tagebüchern gekauft. Das hatte ihn damals schwer beeindruckt. Und er wusste: Eines Tages würde er auch so einen Coup landen! Eines Tages. Die Tatsache, dass die Tagebücher sich schnell als Fälschung erwiesen hatten, dämpfte seinen Enthusiasmus nur kurz. Denn eigentlich konnte das doch nur bedeuten, dass irgendwo noch die echten Tagebücher lagen. Hitler hatte ganz sicher Tagebuch geschrieben. Und der kleine, clevere Wiebke hatte eigene Recherchen durchgeführt, über Jahre hinweg. Es gab da diese Stasi-Connection ... und vielleicht war es tatsächlich dieser Hohlraum!
Während sie über die Treppe in den Keller gingen, träumte Herr Neumann seinen eigenen Traum. Vor vielen Jahren hatte er Kafkas Literatur entdeckt – und war sofort begeistert! Kafkas Erzählung „Der Bau“ hatte wiederum seine Leidenschaft für den Untergrund entfacht. Kafka hatte den Untergrund instinktiv begriffen, sein innerstes Wesen, seine vielschichtigen Dimensionen intuitiv erfasst ... was man leider nicht von den Pappnasen sagen konnte, die sich in dem Verein herumtrieben, den er dann gegründet hatte. Wenn er nicht die wackere Frau Gerber hätte, dann wäre er, wäre der Berliner Untergrund schon längst verloren ... und natürlich auch der Untergrund Brandenburgs. Wobei er sich von Anfang an dagegen ausgesprochen hatte, Brandenburg mit in die Satzung aufzunehmen. Aber ...
Der Keller!
Erster Raum links.
Die markierte Stelle an der Wand. Dahinter der Tunnel.
Gedämpfte Euphorie erfüllte den Raum. Wie ein religiöses Ritual. Selbst die Art und Weise, wie Wuffke seinen Bohrer startklar machte, hatte etwas Heiliges an sich. Und die geweihte Ruhe, mit der Frau Gerber ihre Digitalkamera auf das Stativ montierte und einstellte. Das war sein Team, seine Truppe. Sakral nun auch der immer noch schnaufende Herr Wiebke. Und der Rabbi ... der ihnen hoffentlich nicht noch die Tour vermasseln würde!
Und plötzlich war es dann so weit, kam alles zusammen, musste Herr Neumann vor Ergriffenheit fast weinen:
Wuffke setzte den Bohrer an und legte los.
Ein lautes, kraftvolles, geradezu archaisches Röhren erfüllte den Raum, Staub breitete sich aus.
Wuffke war in seinem Element. Der Bohrer gehorchte ihm, vibrierte kraftvoll in seinen Händen, er wurde eins mit der Maschine, hatte sie voll im Griff, spürte die Power, die in dieser Wumme steckte, gleich war er durch, gleich kam der Durchbruch, noch etwas mehr Saft, das Ding gerade halten, sich konzentrieren, so wie Luke Skywalker, als er durch diesen Schacht flog, das Ziel direkt vor den Augen, Darth Vader ballernd hinter ihm, bevor er dann das Lasertorpedo-
Mit einem knirschenden Jaulen verstummte der Bohrer plötzlich. Im gleichen Moment ging das Licht aus.
„Was soll das denn jetzt sein?“ fragte Herr Neumann in die staubige Dunkelheit hinein.
„Ich glaube, wir haben keinen Strom mehr“, stellte der Rabbi nüchtern fest.
„He, vielleicht sind hinter dieser Wand die Stromkabel ... und Wuffke hat sie gerade angebohrt!“ brabbelte Rudolf laut und lachte.
Das Lachen war einsam und erstarb schnell.
„Hat denn hier niemand Licht?“ fragte Frau Gerber.
„Naja“, antwortete Herr Neumann, „ich habe keine Taschenlampen mitgenommen ... wir haben hier ja eigentlich Licht.“
„Was bist Du denn für ein Untergrundfuzzi?“ spottete Rudolf, „Ihr müsst doch immer ’ne Funzel dabei haben.“
„Es ist meine Aufgabe, didaktische, untergrundrelevante Konzepte zu erarbeiten und den Untergrund als kulturhistorisches Phänomen zu ergründen – und nicht das Herumtragen irgendwelcher Taschenlampen!“ giftete Herr Neumann.
„Ja, und jetzt biste didaktisch angeschissen!“ antwortete Wuffke.
Mit einem „Frieden, meine Herren!“ griff der Rabbi ein.
Stille in der Dunkelheit.
„Um noch mal auf das Wesentliche zu kommen: Es hat hier also niemand eine Taschenlampe?“ fragte Frau Gerber.
Einstimmige Verneinung.
„He, Moment mal, Wuffke“, sagte Rudolf, „wir haben doch noch diese Leuchte ... und unseren Notstromer.“
Seit dem Verstummen seines Bohrers hatte Wuffke vor dieser Frage Angst gehabt.
„Du, äh ... der Notstromer ist irgendwie nicht da.“
„Wieso nicht da? Der muss da sein, der gehört zu unserer Standardausrüstung!“
Wuffke wand sich.
„Also, der Tom brauchte den mal ... und ich glaub’, der hat den noch.“
„Biste bescheuert?“ pöbelte Rudolf, „ich habe Euch tausendmal gesagt, dass Ihr die Geräte nicht privat benutzen sollt. Tom kriegt den Arsch aufgerissen!“
„Meine Herren!“ sagte der Rabbi streng.
Erneute dunkle Stille.
„Okay: kein Strom, kein Akku, keine Taschenlampen. Super!“ sagte Herr Neumann resigniert. „Ich fahre jetzt mal kurz nach Hause und hole ein paar Taschenlampen. Und irgendwo müsste ich auch noch Hammer und Meißel haben.
Zaghaft meldete sich Herr Wiebke zu Wort: „Das mit dem Licht wäre schön, in der Dunkelheit kann ich nämlich nicht schreiben.“
„Dann musste auf Braille umsatteln!“ brüllte Wuffke.
Wuffke und Rudolf lachten.
Eine dreiviertel Stunde später war Herr Neumann mit den angekündigten Utensilien wieder da. Seine Mannschaft saß auf dem Flur des Erdgeschosses und verzehrte Döner Kebabs, Currywürste und Fritten. Bis auf den Rabbi, dem der Ekel angesichts des versammelten Fast Foods deutlich anzusehen war.
„So, meine Damen und Herren! Es geht in die zweite Runde!“ sagte Herr Neumann generalstabsmäßig.
Etwas leiser fuhr er fort.
„Eine der Taschenlampen war leider defekt. Und irgendwie bräuchten wir mal neue Batterien ... aber ich habe zumindest eine Maglite, das reicht.“
Geräusche der Enttäuschung.
„Das reicht wirklich, meine Herren! Wir wollen da unten nur ein Loch bohren, mehr nicht. So ... und hier sind Hammer und Meißel.“
Der Anblick eines unterdimensionierten Hammers und eines riesigen Meißels rief bei Wuffke und Rudolf Heiterkeit hervor.
„Im Gegensatz zu Ihrem nicht vorhandenen Notstromer sind dieser Hammer und dieser Meißel immerhin präsent! Und jetzt möchte ich mal sehen, ob Sie auch ohne diesen ganzen technischen Krimskrams auskommen und Ihr Handwerk beherrschen!“
Mit großer Geste reichte Herr Neumann dem unwirsch dreinblickenden Wuffke Hammer und Meißel.
Dann setzte sich die Schar in Bewegung. Der Rabbiner warf einen angewiderten Blick auf die Imbiss-Reste am Boden, bereute, nicht einfach gesagt zu haben, dass er an diesem Tag keine Zeit hätte, seufzte leise und folgte der voraneilenden Schar zurück in den Kellerraum.
Und so standen sie dann da: Herr Neumann mit einer schweren Taschenlampe, die mit langsam abnehmender Kraft einen Hammer und einen Meißel beleuchtete, die mit diversen Flüchen und Fehlschlägen abwechselnd von Wuffke und Rudolf in das erstaunlich resistente Mauerwerk getrieben wurden.
Frau Gerber – die den wegen der Lichtverhältnisse nicht mehr möglichen Digitalkamera-Aufnahmen nachtrauerte – und der Rabbiner standen in der Dunkelheit, am anderen Ende des Raumes. Der Rabbiner wunderte sich, warum die Deutschen alles so perfekt machen mussten ... selbst unter der Erde. Diese „dünne Wand“ war so zäh und widerspenstig, als ob man sie eigens dafür konstruiert hätte, panzerbrechenden Geschossen zu trotzen. Diese Deutschen!
Und Frau Gerber dachte: diese Männer! Sie hätte jetzt schön mit Jana und Petra im Park sitzen und sich von der Sonne bescheinen lassen können. Stattdessen stand sie in einem schmutzigen Keller und guckte schwitzenden, unflätigen, wichtigtuerischen Männern beim Hämmern und Herumkommandieren zu.
Herr Wiebke hatte an dieser Situation auch kein Vergnügen. Er musste ein akrobatisches Kunststück vollführen, indem er versuchte, von dem sich immer weiter verkleinernden Leuchtkegel, den Herr Neumanns Taschenlampe ausstrahlte, genügend Licht für seine Notizen zu ergattern, ohne dabei diesen zwei ächzenden Männern zu nahe zu kommen und in ihren Hammerschwung zu geraten.
Trotz dieser Unannehmlichkeiten stieg die Spannung, die Luft flirrte und knisterte, fiebrige Visionen rasten durch den Raum. Wuffke träumte vom Bernsteinzimmer. Irgendwo mussten die blöden Stasis das Ding doch versteckt haben. Rudolf träumte von den vergessenen Geheimwaffen der Nazis. Herr Wiebke träumte von Hitlers echten Tagebüchern ... eine Ladung altes Nazigold würde es aber auch tun. Herr Neumann träumte von den Briefen, die Kafka an Dora Diamant geschrieben hatte, die berühmten, von der Gestapo beschlagnahmten, verschollenen, in Osteuropa vermuteten Briefe ... mein Gott, wenn es stimmte ... einen Brief von Franz Kafka in der Hand zu halten! Der Rabbiner wiederum sah sich mit einem großen Stapel kostbarer Thorarollen in Jerusalem. Frau Gerber dachte an eine hübsche Summe Bargeld, die die alten Stasi-Seilschaften hier vielleicht deponiert hatten ... und an Kreuzfahrten im Pazifik.
Und plötzlich waren sie durch!
Ehrfürchtige Stille.
Diese Stille hielt aber nicht lange an, da sich in dem Raum schnell die unausgesprochene Erkenntnis verbreitete, dass man mit einem etwa vier mal drei Zentimeter großen Loch nicht viel anfangen konnte.
Wuffke legte noch mal los, sah wieder Luke Skywalker durch den Schacht fliegen, das Ziel im Visier, das Loch wurde größer, faustgroß, ja, noch größer, jaaa, das reichte ...
Die Köpfe von Wuffke und Rudolf stießen bei dem gleichzeitigen Versuch, durch das Loch zu sehen, schmerzhaft zusammen. Es dämmerte den Beiden zudem auch sofort, dass nur Herr Neumann die Taschenlampe hatte, die für einen aussagekräftigen Blick durch das Loch unerlässlich war.
Bedeutungsvoll drängte sich Herr Neumann an Wuffke und Rudolf vorbei, hielt die Taschenlampe in das Loch und schaute ...
„Da ist ... das gibt’s doch nicht! Ich ... ich brauche mehr Licht!“
Herr Neumann griff in seine Tasche und hielt ein Sturmfeuerzeug hoch.
„Und ich habe an alles gedacht!“
„Mach hinne, Du Schmierenkomödiant!“ sagte Rudolf ungeduldig und hätte Herrn Neumann fast die Taschenlampe weggeschnappt. Neumann drehte sich schnell wieder zum Loch, nahm mit einem „klack“ das Sturmfeuerzeug in Betrieb und versuchte, seine Hände, die eine mit dem brennenden Sturmfeuerzeug, die andere mit der Taschenlampe und seinen Kopf irgendwie in das Loch zu bekommen. Er schaffte es auch.
„Das gibt’s doch nicht!“
Alle drängten sich an ihn heran.
Die Detonation, die etwa zwei Sekunden später den Keller des Plattenbaus erschütterte, zerriss sie fast alle – Herrn Neumann, Wuffke und Rudolf, den Rabbiner und Frau Gerber. Nur Herr Wiebke, der sich hinter den massigen Körpern von Wuffke und Rudolf aufgehalten hatte, wurde nicht zerstückelt. Der Druck der Explosion und ein Stück Wand, das ihn sehr hart am Kopf getroffen hatte, ließen seine Prognose trotzdem eher ungünstig erscheinen. Und während er sein Leben aushauchte, umgeben von der Dunkelheit, die den verheerten Kellerraum wieder in Besitz genommen hatte, starrten seine leeren Augen seelig in das Schwarz hinein. Er starb mit einem glücklichen journalistischen Lächeln auf den Lippen: Ja, das war jetzt seine große Story. Die ganz große Story!
August 2007