Die tiefgründige Geschichte Berlins tragen die Mitglieder des Vereins „unter-berlin“ zu Tage. In der Schönhauser Allee...
Die Stadt Stettin (Szczecin) liegt im Nordwestens Polens und ist von Berlin aus mit dem Zug in etwa zwei Stunden...
Im Rahmen einer Reise durch Usbekistan und Turkmenistan hatten zwei unserer Vereinsmitglieder Gelegenheit, einen Blick...
Der Umgang mit NS-Bunkern sorgte in Berlin immer wieder für politischen Zündstoff.
Ein dumpfes Grollen.
Kam näher.
Dann ein Schlag, eine Erschütterung.
Vera schreckte hoch.
Das war ein Nahtreffer gewesen.
Staub rieselte auf sie herab.
Welches Gebäude, welche Straße hatte es dieses Mal erwischt? Tote?
Sie legte sich wieder hin.
War auch egal.
War nicht egal! Zu gerne hätte sie einmal gesehen, was diese Bomben anrichteten. Sie konnte die Explosionen nur dumpf hören und ihre Vibrationen, ihre Schläge spüren. Aber mehr nicht. Nur am Anfang hatte sie es noch auf den Straßen gesehen: zerstörte Häuser und Krater auf den Straßen. Das war damals gewesen, in einer anderen Welt.
Noch eine Erschütterung. Mehr Staub.
Im Laufe der Zeit waren die Bomben, waren die Explosionen größer geworden. Vielleicht würde eine dieser Bomben ihr den Tod bringen. Die Decke würde auf sie herabstürzen. Vielleicht besser so. Dann wäre es endlich vorbei.
Und doch ... dieses dumpfe Grollen, das sie immer häufiger spürte, war ihre einzige Hoffnung. Zuerst nur die Briten. Nun auch die Amerikaner. Ihre Bomber griffen immer häufiger an, nichts konnte sie aufhalten. Immer häufiger. Wie lange noch, bis-
Der Priester hatte ihr erzählt, dass ganze Stadtteile zermalmt wurden. Von der deutschen Abwehr war nicht mehr viel zu sehen. Nur die Flak ballerte noch.
Wer hätte das gedacht: Ihr geliebtes Berlin wurde zerstört. Und vielleicht würde es auch sie treffen. Und trotzdem war das Grollen ein verheißendes Signal aus einem fernen Paradies. Die Bomber, die in England aufstiegen, trugen ihre tödliche Fracht nach Nazideutschland. Trafen Munitionsfabriken, zerstörten Brücken und Flughäfen, zerrissen Schienen, ließen Bahnhöfe einstürzen ... und hatten dieses Schwein Rodecke erwischt. Rodecke wurde unter einer Mauer begraben. Der schneidige, zackige Rodecke. Jede Bombe ein Stück näher ...
Wie lange noch?
Wo blieb der Aufstand? Wo die Rebellion?
Glaubte da oben noch jemand an den Führer? Sahen die Leute es nicht? Was war aus ihren Berlinern geworden ... die sich über alles lustig machten. Die man nicht für dumm verkaufen konnte.
Vera richtete sich auf. Stechende Schmerzen im Rücken. Langsam wurde sie zum Krüppel.
Ihre Berliner gab es schon lange nicht mehr. Die waren nach 1933 immer seltener geworden. Und dann fast verschwunden. Ausgestorbene Tiere.
Was war aus diesen Menschen geworden? Warum hatten sie sich alle in Bestien verwandelt?
Sodom und Gomorrha. Feuer regnete vom Himmel. Sahen die Leute es nicht?
Der Priester hatte ihr erzählt, dass er neulich bei einem Angriff nicht mehr rechtzeitig in den Bunker kam ...
Rumms! Noch ein Treffer! Heute war also dieser Stadtteil dran.
Und dann stand er da, sah in den Himmel und erblickte diese riesigen Bomberschwärme. Und hörte ihr Dröhnen. Und dann, so hatte er gesagt, wäre ihm klar gewesen, dass die Nazis diesen Krieg verlieren würden.
Vera wollte sich diesen Anblick vorstellen ... wie hoch flogen diese Ritter überhaupt? Konnte man sie genau erkennen?
Was hätte sie für diesen Anblick gegeben!
In der Sonne gleißender Stahl, große Götterboten in engen Formationen, Gottes Hammer, tausende und abertausende Bomben. Armada der Gerechtigkeit!
Wie lange noch?
Der Priester hatte ihr erzählt, dass die Nazis an irgendwelchen neuartigen Waffen arbeiteten. Mit denen wollten sie den Krieg doch noch gewinnen.
Propaganda?
Oder ... was waren das für Waffen?
Ihr Magen zog sich zusammen.
Bitte, bitte nicht!
Mein Gott, wenn diese Mörder den Krieg gewinnen oder auch nur-
SIE KONNTE NICHT MEHR!
Irgendwo rauschte etwas.
Ein Zittern.
Eigentlich war es auch egal.
Ihre Eltern hatten sie bereits abtransportiert.
Gerd, der einzige Mann, den sie jemals geliebt hatte, war nicht mehr da. Nichts war mehr da. Gott hatte diese Welt verlassen. Verlassen und verraten. Seine Bomber kamen zu spät.
Und sie? Sie war eine Kellerassel geworden. Lebte in einem winzigen Kohlenkeller. Kam nicht mehr raus. War pechschwarz, atmete jeden Tag den Staub der Kohlen ein, war ein kleines Insekt geworden, das sich zusammenkrümmte, schrumpfte jeden Tag, verlor ihre Muskeln, ihr Fleisch, ihre Beweglichkeit.
Ein schlechter Traum.
War dies wirklich die Welt? Existierte die Welt überhaupt noch?
Sie war tot. Konnte nicht mehr, wollte nicht mehr.
Aber sie lebte noch.
Wollte ihren Mördern den Triumph nicht gönnen.
Vielleicht hatten ihre Mörder nicht mehr viel Zeit.
Der Priester hatte mit einem jungen Soldaten von der Ostfront gesprochen, dessen Einheit aufgerieben worden war. Er hätte immer wieder gesagt: „Wir kommen gegen die nicht mehr an!“
Vera musste fast lachen.
Hatte dieser große Führer jemals auf die Landkarte geschaut, bevor er die Sowjetunion angriff? Wusste er eigentlich, worauf er sich einließ? Und dann auch noch die USA ...
War das vielleicht Gottes Wirken? Der Führer stolperte über seinen Größenwahn.
Was war mit diesen neuen Waffen? Was machten die da?
Wie lange hatte der Führer noch?
Wie lange hatte sie noch?
Wer würde zuerst dran sein?
Gerd war weg. Wahrscheinlich hatten sie ihn schon längst ermordet. Oder lebte er vielleicht noch?
Würde sie jemals erfahren, wie er gestorben war?
In ihr lebte Gerd noch. Immer wieder träumte sie von ihm, erinnerte sich an die schönen Stunden, die sie miteinander verbracht hatten.
Das konnte ihr niemand nehmen. Auch Hitler und seine Mörder nicht.
Sie dachte sich oft Situationen aus, die es nie gegeben hatte, stellte sich vor, wie sie zusammen verreisen, wie sie auf einem Schiff fahren würden.
In der Welt, die es einst gab.
Würde sie in zwei Jahren noch leben?
Und wenn sie es schaffen würde – was bliebe dann noch von ihrem Leben? Ihre Augen, ihre Lunge, ihre Muskeln hatte dieser Keller schon längst zerstört.
Kellerassel.
Vielleicht würde sie hier unten einfach sterben, einfach so, ihr Körper würde es nicht mehr schaffen ... Hitlers Schergen wären gar nicht mehr nötig.
Sie musste leben.
Und wenn es nur für den Priester war.
Das Grollen entfernte sich langsam. Hatten die Silbervögel ihren Auftrag erfüllt? Wie viele Nazis hatten sie dieses Mal erwischt?
Sie freute sich über den Tod von Menschen! Was hatte Hitler aus ihr gemacht?
Zu einer Jüdin hatte er sie gemacht. Vorher hatte sie sich als Deutsche gesehen. Dann kam dieser Analphabet und sagte ihr, dass sie eine Jüdin wäre.
Jetzt war sie ein Insekt in einem Keller.
Sie beneidete die Asseln, die irgendwo in diesem lichtlosen Raum herumkrochen. Die lebten einfach nur. Und starben. Und machten sich keine Gedanken. Wenn sie doch nur mit diesen Tieren tauschen könnte!
Das hatte Hitler aus ihr gemacht.
Nur für den Priester.
Vor einigen Wochen, als er außer den Nahrungsmitteln noch etwas Zeit für sie mitgebracht hatte, da-
Ein Knall in der Nähe. Ein Abschiedsgruß?
Sie hatte ihn gefragt, warum er das alles machen würde. Und er hatte geantwortet, mit zitternder, bebender Stimme: „Weil ich sonst diese Kirche niederbrennen müsste! Gott hat uns schon lange verlassen! Die Gerechten müssen sich verstecken!“
Sie war der Grund, warum ein Priester seine Kirche nicht anzündete.
Was war aus dieser Welt geworden? Ein verzerrter Albtraum.
Die Briten hatten ein Flugzeug aus Holz gebaut. Das war so schnell, dass die deutsche Abwehr es nicht erwischen konnte. Tauchte auf, warf eine schwere Bombe ab und war wieder weg.
Das hatte der Priester ihr erzählt.
Was würde passieren, wenn der Priester nicht mehr wäre, wenn sie ihn verhaften würden, wenn ein Volltreffer die Kirche erwischen würde, wenn diese neuen Waffen-
Zeit. Zeit würde alles entscheiden.
Eines Tages würde sie es wissen.
Zwei Kerzen hatte sie noch.
Eine würde sie jetzt anzünden.
Licht.
Hölzerne Flugzeuge. Bomberschwärme. Gerd. Ein Priester.
Welt.
Kellerassel.
August 2007